Mit diesem Satz begann für Marjorieth Sanmartin ein neues Kapitel. Heute prägt sie als CCO von Philipp und Keuntje eine Kreativkultur, die keine Angst vor Sichtbarkeit kennt.
Wir sehen eine schöne Frau, eine stolze Frau, eine optimistische Frau. Aber da, wo sich rechts ihre Brust wölben sollte, ist eine auffällige Narbe – eingerahmt von einer präoperativen chirurgischen Markierung mit den Ziffern 975. So präsentiert sich Marjorieth Sanmartin, Chief Creative Officer bei Philipp und Keuntje, für das Fotoprojekt „Fuckt it – I’m alive“. Diagnose Brustkrebs im Jahre 2019. Ein Schock für die zweifache Mutter, aber wie jetzt damit umgehen? Marjorieth Sanmartin entschied sich für den mutigen Schritt nach vorn. Entwickelte mit der Fotografin Iris Edinger eine Porträtreihe, die von Brustkrebs betroffene Frauen und Männer stolz und würdevoll zeigt, konzipierte parallel eine Fotoausstellung und einen Social Web-Auftritt. „Cancer killer“, sagt sie selbstbewusst über sich. Betroffenen will sie Mut machen, weil viele, die überlebt haben, anschließend Selbstzweifel bekämen, in Depressionen verfallen. „Vieles wird einfach verschwiegen. Aber das ist der falsche Weg. Man hat Grund, stolz auf sich zu sein. Man hat den Krebs besiegt“, so die gebürtige Venezolanerin.
Muss diese private Episode ihres Lebens hier stehen? Ja, weil sie die internationale Top-Kreative prototypisch beschreibt: Offen, unerschrocken und immer auf der Suche nach der nächsten großen kreativen Herausforderung. „Crafting the magic“, so ihr Leitspruch. Dabei nimmt sie die ganze Welt mit: Auf ihren Social Media-Accounts sehen wir sie nicht nur beim Tennis oder Ski, sondern eben auch im Business – in internen Meetings oder bei einem Workshop mit LinkedIn. Bevorzugt in Adidas (ihrer Lieblingsmarke). „Ich möchte nichts verstecken wollen, bin offen, mein Leben so zu zeigen wie es ist“, meint sie. Kollagenmasken inklusive. Dabei ist Social Media für sie kein Egotrip, es diszipliniert sie auch, am Ball zu bleiben, wenn es um neue Trends in der Social Media-Kommunikation geht. Für den Job, wenn sie im Team oder mit Kunden bespricht, was gerade angesagt ist.
Zufällig in Deutschland gelandet
Der Weg in die deutsche Werbung: ein Zufall. An der Miami Ad School war u.a. Oliver Voss ihr Dozent, sie gab ihm eine Mappe von sich, er erkannte ihr Talent und holte sie zu Jung von Matt. Kolle Rebbe, Tribal DDB, Scholz & Friends, Havas, Grey und TBWA waren dann nur einige weitere Stationen in ihrer Laufbahn, in der sie Kunden wie Henkel, C&A oder Citroën betreute. „Marjorieth hat die Energie, die es braucht, um Dinge zu bewegen“, meint ihr ehemaliger Havas-Chef Andreas Geyr, jetzt geschäftsführender Gesellschafter bei der Influencer Marketing Agentur Eqolot Local.
Seit August 2023 ist sie (wieder) bei Philipp und Keuntje, soll dort das kreative Profil weiter schärfen und „Bestands- wie Neukunden mit ihrer kreativen Energie begeistern“, wie es in einer Pressemitteilung zu ihrem Einstieg hieß. Sie ahnt: deutsche Kunden begeistern, das wird manchmal so schwierig wie Spontaneität nach Plan. „Im anglo-amerikanischen Raum zum Beispiel regiert viel stärker das Bauchgefühl. Und damit spielen die Agenturen auch. Für die Präsi eines möglichen neuen Kunden wird schon mal der gesamte Konfi liebevoll im Corporate Style des Kunden ausstaffiert. Es geht um den Showeffekt. The sky is the limit. Deutschland ist dagegen viel rationaler. Strategie ist hier die Herleitung zur Lösung, in Amerika geht man einen Schritt weiter. Man ‚dreht‘ die hergeleitete Lösung in eine völlig andere Lösung: So entsteht der Überraschungseffekt.“
Einmal um die Ecke – und dann weiter
Einmal um die Ecke denken. Das macht für Marjorieth Sanmartin gute Werbung und vor allem auch gute (digitale) Außenwerbung aus. Eine ihre Lieblingskampagnen ist die OOH-Gattungsinitiative vor einigen Jahren in Spanien. „Meet Marina Prieto“ zeigte die 100-jährige Marina Prieto in alltäglichen Momenten auf Metro-Plakaten – ganz ohne Markenlogo. Durch Authentizität und Storytelling erreichte die Kampagne extrem hohe Aufmerksamkeit in Social Media, machte Marina innerhalb kurzer Zeit zu einem viralen Phänomen und räumte reichlich Awards ab (u.a. sechs Löwen bei den Cannes Lions 2024). Digitalisierung, Technologie würden der Außenwerbung noch viel mehr Möglichkeiten eröffnen. Ein viel größeres kreatives Spielfeld – öffentliches Bewegtbild, umrahmt durch KI, Location Based Services, QR Codes. „Eigentlich müssten Kunden noch viel stärker diese Möglichkeiten nutzen.“ Eigentlich – doch in der Praxis würden viele Werbungtreibende das Potential der digitalen Außenwerbung noch nicht sehen, meinten es sei zu teuer. Aber vielleicht ist genau das die nächste Challenge: nicht nur Kampagnen mutiger zu machen – sondern auch die Kunden.