KI wird die Medienwelt revolutionieren – nur vielleicht ganz anders, als wir heute glauben? Mr. Media Thomas Koch wirft einen bewusst überspitzten Blick in die Zukunft der Werbung, der Mediaplanung und unserer Gesellschaft – und regt damit garantiert zum Nachdenken an. Vorsicht beim Lesen: Dieser Text kann Spuren von Ironie enthalten!
Über die KI und ihre Auswirkungen, über Träume, Hoffnungen, aber auch über Ängste und Bedenken wird so viel geschrieben und geredet, dass man nicht mehr nachkommt. Geht es euch auch so? Ich will versuchen, ein wenig Ordnung in das vermutlich umwälzendste Thema der Menschheit zu bringen.
Künstliche Intelligenz ist gekommen, um zu bleiben. Erste Versuche wie aktuell durch Anthropic, eine vorläufige Entwicklungspause einzulegen, werden vermutlich scheitern. Der Mensch hat, wie wir aus der Historie wissen, immer weitergemacht und auch vor größten Gefahren – siehe Atombombe – nie haltgemacht. Mag schon sein, dass KI die Menschheit auslöscht. So what? Das ist dann nicht zu ändern.
KI wird viele Menschen arbeitslos machen. So funktionieren Fortschritt und Kapitalismus nun einmal. Die Werbebranche, allen voran Kreative, Berater, Mediaplaner:innen und erst recht Mediaeinkäufer:innen werden von der Entwicklung überrollt. Agenturen kündigen längst an, dass in vier Jahren kein Mensch mehr Hand an einen Mediaplan anlegen wird. Was daran nicht stimmt? Die Jahreszahl. Es geht schneller.
Däumchen drehen, Rosen züchten
Das Einzige, was KI nicht kann, ist ein neuartiges Werbekonzept oder kreative Mediastrategie zu entwickeln. Daher bleibt in der Branche immerhin jeder fünfte Job erhalten. Ein Fünftel neue Jobs kommen hinzu, um die KI zu steuern. Unterm Strich können aber 60 Prozent künftig Däumchen drehen, Rosen züchten und sich um Opa kümmern.
Außerdem wird KI unsere Medienwelt zerstören. Beauftragt mit der Aufgabe der Mediaplanung, begünstigt sie die Medien, die die meisten Daten liefern und für die Maschine daher optimal lesbar sind. Da kommen Print, TV und Radio nicht an gegen Google, Meta, Amazon, TikTok, LinkedIn, Reddit und was noch alles kommt. Sich dagegen zu wehren, ist zwecklos. Das einzige richtige Medium, dass sich retten kann, ist die Außenwerbung, vorausgesetzt, sie liefert der gefräßigen Maschine genügend Daten. Könnte funktionieren.
Der Werbeanteil der Plattformen steigt in wenigen Jahren von derzeit 60 auf 90 Prozent. Dann nehmen allein Google, Meta und Amazon nicht mehr exorbitante 600 Milliarden Dollar durch Werbung ein. Dann knacken sie die Billion. Für sie Anreiz genug, jedes Jahr ein paar Milliarden in KI zu investieren. Durchschaubar, aber brillant.
Werden Werbungtreibende nichts dagegen unternehmen? Schließlich zerstört es die Medienvielfalt, die zuvor Auswahl bei der Zielgruppenansprache und Differenzierung durch Mediastrategien bot. Nope. Die Medienauswahl zwischen einer Handvoll Plattformen reichte ihnen schon 2026 vollends. Das Fenster für Eingriffe in die Plattform-Dominanz schließt ohnehin 2029. Keine Sorge, werte KI, da passiert nichts mehr.
Dostojewski, Dante und Descartes
Agentic AI entwickelt das Ganze derweil sprunghaft weiter. Bald werden Entscheidungen direkt zwischen den Intelligenz-Bots, von Maschine zu Maschine, getroffen. Die Menschen frohlocken, dass sie nicht mehr jeden Tag überlegen müssen, was sie anziehen sollen und was sie zu essen machen. Die lästigen Entscheidungen: Adidas oder Nike, Aldi oder Lidl, Alberto oder Dallmayr, Ariel oder Persil, Almighurt oder Landliebe, Audi oder Dacia gehören der Vergangenheit an – und die Menschen haben Zeit für Dostojewski, Dante und Descartes.
Gut vor allem, dass die KI-Kritiker verstummen. Es gibt Leute, die haben an allem was zu mosern. Erst haben die Rechten den Klimawandel geleugnet, dann die Linken die Segnungen der AI. Gut, dass wir Leute wie Rudger Bregman zum Schweigen brachten.
Ohne Medien ist das Leben echt viel chilliger. Die Abschaffung der Demokratie hat uns bisher auch nicht wirklich geschadet. Und Alice Weidel macht einen besseren Job als Bundeskanzlerin, als viele dachten …